Kurzantwort: Käufer zahlen im deutschen Handwerk heute 4 bis 7× das bereinigte EBITDA, je nach Gewerk, Betriebsgröße und Margenprofil. SHK-Betriebe liegen typischerweise bei 4–6×, Solar/PV-Betriebe bei 5–7×. Die konkreten Ranges basieren auf der KERN/Saaler-M&A-Studie für das deutsche Handwerk.
Warum ist das EBITDA-Multiple die Standardmethode?
Im Handwerks-M&A ist das EBITDA-Multiple die dominierende Bewertungsmethode, weil sie betriebsübergreifend vergleichbar ist und die Ertragskraft unabhängig von Finanzierungsstruktur und Abschreibungspolitik abbildet.
Das bereinigte EBITDA bereinigt den Jahresüberschuss um:
- Abschreibungen (D&A)
- Zinsaufwand
- Steuern
- Nicht-wiederkehrende Aufwendungen (einmalige Reparaturen, außerplanmäßige Abschreibungen)
- Inhabergehalt oberhalb Marktgehalt (typisch im Handwerk: Normalisierung auf ~80.000–100.000 € p.a.)
Der Kaufpreis ergibt sich dann als: Bereinigte EBITDA × Branchen-Multiple
EBITDA-Multiples je Gewerk (Stand 2026)
Die folgenden Ranges gelten für gut geführte Handwerksbetriebe mit stabilen Kundenstamm, Umsatz zwischen 1–10 Mio. € und EBITDA-Marge ≥ 10 %. Kleinere Betriebe oder solche mit stark inhaber-abhängigem Umsatz tendieren zum unteren Rand.
| Gewerk | Multiple-Range | Anker | Quelle |
|---|---|---|---|
| SHK (Sanitär, Heizung, Klima) | 4 – 6× | 5× | KERN/Saaler M&A-Studie |
| Elektro | 4,5 – 6,5× | 5,5× | KERN/Saaler M&A-Studie |
| Heizung | 4 – 6× | 5× | KERN/Saaler M&A-Studie |
| Klima | 4,5 – 6,5× | 5,5× | KERN/Saaler M&A-Studie |
| Solar / PV | 5 – 7× | 6× | KERN/Saaler M&A-Studie |
Warum unterscheiden sich die Multiples je Gewerk?
Solar/PV und Klima erzielen höhere Multiples, weil:
- Wachstum — staatliche Förderprogramme (BEG), Klimaschutzziele und steigende Stromnachfrage sichern ein strukturelles Wachstum bis mindestens 2035.
- Margen — komplexe Installationen und Fachkräftemangel erlauben höhere Stundensätze.
- Nachfrage — mehr potenzielle Käufer (Energieversorger, Private-Equity, strategische Investoren) bedeuten Wettbewerb und damit Aufschläge.
SHK und Heizung sind stabil, aber reifer — deshalb der etwas niedrigere Anker.
Was bewegt den Multiple nach oben oder unten?
Das ist der kritischste Teil: Der Markt zahlt nicht blind den Branchen-Anker. Käufer justieren den Multiple anhand folgender Faktoren:
Aufschlag-Faktoren (+0,3 bis +1,5× auf den Anker)
- Umsatzkonzentration niedrig: Kein Kunde > 20 % Umsatz
- Fachkräfte gebunden: Schlüsselmitarbeiter mit Vertrag und Betriebszugehörigkeit > 3 Jahre
- Servicevertrag-Anteil: Wiederkehrender Umsatz (Wartungsverträge) > 30 % des Gesamtumsatzes
- Rahmenverträge: Bestehende, laufende Verträge mit Wohnungsunternehmen oder Kommunen
- Region: Ballungsraum mit Wachstum (München, Hamburg, Berlin, Frankfurt) vs. strukturschwacher Raum
Abschlag-Faktoren (–0,5 bis –2× auf den Anker)
- Inhaber-Abhängigkeit: Inhaber ist Hauptansprechpartner für alle Schlüsselkunden
- Marge unter Branchendurchschnitt: EBITDA-Marge < 8 % deutet auf strukturelle Schwäche hin
- Überaltertes Equipment: Fuhrpark > 7 Jahre, keine Investitionen in letzten 3 Jahren
- Ungeregelter Übergang: Kein Einarbeitungsplan, kein Know-how-Transfer dokumentiert
Beispielrechnung: SHK-Betrieb mit Multiple-Adjustment
Ausgangssituation:
- SHK-Betrieb, 2,4 Mio. € Umsatz, 5 Mitarbeiter
- EBITDA (aus Jahresabschluss): 320.000 €
- Inhabergehalt (Ist): 180.000 €, marktübliches Normgehalt: 90.000 €
- Einmalige Reparatur Fahrzeugflotte: 25.000 € (nicht wiederkehrend)
Bereinigung:
- EBITDA (Ist): 320.000 €
-
- Normalisierung Inhabergehalt: +90.000 € (180k − 90k)
-
- Einmalaufwand: +25.000 €
- = Bereinigtes EBITDA: 435.000 €
Multiple-Bestimmung (Anker SHK: 5×):
- Wartungsvertragsanteil 40 % → +0,4×
- Keine Kundenkonzentration → +0,3×
- Fuhrpark 6 Jahre, kein Ersatzinvestitionsplan → –0,3×
- Adjustierter Multiple: 5,4×
Bewertungsrange:
- Unterer Rand (4×): 435.000 × 4 = 1.740.000 €
- Mittelwert (5,4×): 435.000 × 5,4 = 2.349.000 €
- Oberer Rand (6×): 435.000 × 6 = 2.610.000 €
Werkwert gibt diese Range — nicht einen Scheingenauer Einzelwert.
Ist die Multiple-Methode die einzige Methode?
Nein — sie ist der Bewertungsanker. Seriöse Gutachter ergänzen:
- Substanzwert als Untergrenze (Wiederherstellungswert der Assets)
- DCF-Plausibilisierung (Discounted Cashflow) bei wachstumsstarken Betrieben
Für kleine und mittlere Handwerksbetriebe (Umsatz < 10 Mio. €) ist das Multiple-Verfahren jedoch die in der Praxis dominant verwendete Methode, weil es transparent, nachvollziehbar und von Käufern wie Beratern akzeptiert ist.
Quellen: KERN/Saaler M&A-Studie, Branchenauswertung deutsches Handwerk (M&A-Transaktionen 2021–2025). Multiples beziehen sich auf Enterprise Value / bereinigtes EBITDA.